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Vertrauensschaden-Versicherung: Betrug und Unterschlagung im Mittelstand – Ein Tabuthema?

Betrug und Unterschlagung im Mittelstand – Ein Tabuthema
Ralf Knispel leitet des Geschäft mit Vertrauensschadenversicherungen bei der Zurich Gruppe Deutschland

Mehr als drei Mrd. Euro – so hoch ist der Schaden, der für die deutsche Wirtschaft in jedem Jahr durch Mitarbeiterkriminalität entsteht. Vorsichtig geschätzt. Zeitungsmeldungen über Diebstahl, Betrug, Untreue und Unterschlagung in Unternehmen gehören zum publizistischen Alltag. Doch Mitarbeiterkriminalität sind nicht nur die Millionenschäden in Großkonzernen, beeindruckend ist auch die Anzahl der Presseberichte über die "alltägliche" Kriminalität in kleinen und mittleren Unternehmen. Während aber Konzerne auch größere Betrugsfälle unbeschadet überstehen können, wird Mitarbeiterkriminalität für Mittelständler zur Existenzfrage. Sie trifft das Rückgrat der deutschen Wirtschaft nicht nur häufiger als die Großindustrie, sie trifft sie auch mit größerer Wucht.

Kleine und mittelständische Unternehmen, die sich in wettbewerbsintensiven Märkten bewegen, und die jeden durch Unterschlagung dem knappen Eigenkapital entzogenen Euro durch einen vielfach höheren Umsatz ausgleichen müssen, stehen vor einer oftmals unlösbaren Aufgabe. Ein vergleichsweise geringer Vermögensschaden kann dann bereits das Aus bedeuten. Dabei belegen Untersuchungen von Beratungsgesellschaften, dass Wirtschaftskriminalität gerade ein Problem kleiner und mittelständischer Unternehmen ist. Bei geringen Personalständen und flachen Hierarchien müssen solche Unternehmen heute ebenso komplexe, oft internationale Aufgaben erfüllen wie Großunternehmen. Hierbei werden zwangsläufig betriebliche Verantwortung – und damit auch das Vertrauen auf die Loyalität gegenüber dem Unternehmen – auf kleinere Personengruppen konzentriert. Parallel hierzu fehlen in vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen häufig fest verankerte Kontrollstrukturen. In einem solchen Umfeld haben es Wirtschaftskriminelle leicht.

Wer auf Prävention setzt, die sich auf Vertrauen zu Mitarbeitern und Kollegen stützt, unterschätzt aber häufig, dass jede Gruppe von Mitarbeitern als Täter in Frage kommen kann. Unternehmen werden von externen Dienstleistern, dem Putzpersonal, Aushilfen, Arbeitern und Angestellten genauso geschädigt wie von Mitgliedern des Managements. Selbst Mitglieder der Geschäftsführung von Unternehmen können als potentielle Täter nicht ausgeschlossen werden und sind im Falle des Falles sogar diejenigen, die die größten Schäden verursachen können.

Der typische Wirtschaftskriminelle lässt sich auch nicht am Äußeren erkennen – das Geheimnis seines Erfolges ist gerade seine Unauffälligkeit. Darüber hinaus ist er zumeist seit vielen Jahren für das Unternehmen tätig und hat sich gerade deshalb eine Vertrauensposition erarbeitet, die ihm sein schädigendes Handeln erst ermöglicht. Jeder Führungskraft in einem Unternehmen muss zudem bewusst sein, dass sie Mitarbeiter und Kollegen gar nicht umfassend "kennen" kann, da diese auch ein Leben außerhalb der Arbeitsumgebung führen. Gerade dieses mit Kollegen und Vorgesetzten nicht geteilte Leben außerhalb von Büro und Werkshalle ist aber die Quelle zusätzlicher Kapitalbedürfnisse, die sich mit dem Arbeitseinkommen nicht befriedigen lassen: Krankhafte Störungen wie Spielsucht oder Drogenkonsum sind dabei zwar die plakativsten jedoch bei weitem nicht einzigen Faktoren. Häufiger steht am Beginn von Wirtschaftsstraftaten nur einfach der Wunsch, der Familie einen gehobenen Lebensstandard zu ermöglichen oder ausfallende Einkünfte des Partners auszugleichen.

Eine Prävention von Wirtschaftsstraftaten, die auf "Bauchgefühl" und das Erkennen von normabweichenden Persönlichkeitsmerkmalen bei Mitarbeitern abstellt, kann angesichts dieses Täterprofils nicht erfolgreich sein.

Befragt man jedoch Führungskräfte zu Mitarbeiterkriminalität im eigenen Unternehmen, so sind sie sich zumeist sicher: Vorhandene Sicherheitsmaßnahmen seien ausreichend, einen Wirtschaftsstraftäter rechtzeitig erkennen zu können; vor allem die direkt unterstellten Mitarbeiter seien absolut vertrauenswürdig. Besonders die persönlichen oder gar familiären Strukturen mittelständischer Unternehmen verursachen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Die Anzahl der dem BKA gemeldeten Wirtschaftsstraftaten aber, bleibt über die Jahre hinweg auf gleichbleibend hohem Niveau, und das Thema "Mitarbeiterkriminalität" wird von vielen Unternehmen unterschätzt, ja oftmals tabuisiert.

Wo "Bauchgefühl" und "Menschenkenntnis" ebenso versagen wie – oftmals nicht einmal ausreichend gelebte – Sicherheitsmaßnahmen, stellt sich die Frage nach Möglichkeiten der Versicherung. Hier bietet die Versicherungswirtschaft seit Jahrzehnten die Vertrauensschadenversicherung als Lösung an. Mit ihr können sich Unternehmen preisgünstig und effizient gegen ein breites Spektrum vorsätzlich von eigenen Mitarbeitern und Dritten verursachte Vermögensschäden schützen. Dennoch findet diese Versicherungsform bei kleinen und mittelständischen Unternehmen wenig Abnehmer. Zu oft sorgen die typischen Strukturen dieser Unternehmen für mangelnde Bereitschaft, Realitäten anzuerkennen und den Menschen, mit denen man täglich zusammenarbeitet und mit denen man einen erheblichen Teil des Alltagslebens teilt, mit einem gewissen Maß an Misstrauen zu begegnen. Der Abschluss einer Vertrauensschadenversicherung erfordert jedoch, dieses Grundvertrauen bewusst in Frage zu stellen und anzunehmen, dass Kollegen und Mitarbeiter in der Lage sein könnten, den gemeinsamen Arbeitgeber zu belügen, zu bestehlen und zu schädigen.

Gerade in kleineren Unternehmen, in denen die obersten Entscheidungsträger noch den größten Teil der Mitarbeiter persönlich zu kennen glauben, wird daher die Frage nach der Notwendigkeit einer Vertrauensschadenversicherung oft verneint – und die Chance auf Sicherheit vor naheliegenden Gefahren vertan. Doch sollte dem sicherlich notwendigen Wert "Vertrauen" in kluger Abwägung ein anderer Wert entgegengesetzt werden: Die Verantwortung für alle jene, die dem Unternehmen tatsächlich loyal gegenüberstehen.

Stand: 17.02.2011